Offener Brief an die Gesundheitsministerin Thüringens

Sehr geehrte Frau Ministerin Werner,

wie aus Ihrem Schreiben vom 13.03.2020 an das Thüringer Verwaltungsamt hervorgeht, soll die Kindertagespflege von der Schließung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus ausgenommen sein.

Grund hierfür sei, dass hier „eine sehr geringe Zahl bzw. Einzelbetreuungen ohne maßgebliches Infektionsrisiko in Rede“ stünde.

Dieser Einschätzung möchten wir vehement widersprechen und fordern Sie nachdrücklich auf, die Kindertagespflege in die für Kindertagesstätten gültigen Regelungen  einzubeziehen.

Laut Robert Koch-Institut haben derzeit Maßnahmen zur Kontaktreduzierung oberste Priorität, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Hier passt es nicht zusammen, dass Kindertagespflegepersonen in Thüringen, unabhängig von der Gesamtzahl der anwesenden Personen und weiterer Risikofaktoren weiterarbeiten sollen. 

Kindertagespflegepersonen betreuen bis zu fünf Kinder. Hinzu kommen die eigenen Kinder der Tagespflegepersonen, die von den Schul- und Kitaschließungen betroffen sind und mitbetreut werden müssen. Desweiteren wird die Personenzahl durch Ehepartner, die derzeit im Homeoffice arbeiten und von Tageskindeltern, die ihre Kinder in der Eingewöhnungsphase begleiten, erhöht. Hier kann unseres Erachtens nicht von einer geringen Zahl bzw. Einzelbetreuung gesprochen werden.

Tagesmütter und Tagesväter, die in ihren privaten Räumen Kindertagespflege beteiben, sorgen sich darüber hinaus sehr um den Schutz ihrer eigenen Familien. Insbesondere ist es hier problematisch, dass bei unter dreijährigen Kindern ein enger Körperkontakt und damit ein erhöhtes Infektionsrisiko nicht vermieden werden kann. Eine Betreuung in privat genutzten Räumlichkeiten ist aus unserer Sicht sowohl aus Infektionsschutzaspekten als auch der Fürsorgepflicht gegenüber der Familie der Tagespflegeperson nicht akzeptabel.

Auch die Frage, wie mit Tagespflegepersonen mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe bei einer Infektion umzugehen ist, wird Ihrerseits nicht ausreichend berücksichtigt. Unter den Thüringer Tagespflegepersonen befinden sich auch Personen, die aufgrund von Vorerkrankungen bzw. höherem Alter zu dieser Risikogruppe gehören und unbedingt von dieser pauschalen Betreuungspflicht für Kindertagespflegepersonen ausgenommen werden sollten.

Bei der Weiterbetreuung von Kindern mit Eltern die in sogenannten kritischen Infrastrukturen tätig sind, möchten auch die Thüringer Tagespflegepersonen selbstverständlich ihren Beitrag leisten. Die Betreuung sollte jedoch nicht in privat genutzten Räumen sondern in externen Räumen, die von den Jugendämtern zur Verfügung gestellt werden, erfolgen.

Wir bitten Sie daher dringend, Ihre Festlegungen zur Kindertagespflege zu überarbeiten und, wie auch in Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern oder Nordrhein-Westfalen umgesetzt, die Kindertagspflegestellen analog zu Kindertagesstätten und Schulen zu schließen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Claudia Meins Reidenbach

Karoline Thielen-Wollscheid

Kerstin Becker

Yvonne Russ

Landesverband für Kindertagespflege Thüringen e.V.